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Nachhilfe

Der gute Kapitalismus

Der gute Kapitalismus

Der Kapitalismus, das Sorgenkind. Die Ungerechtigkeiten wollen nicht verschwinden. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander, die Arbeitslosigkeit nimmt zu etc. Versucht man sie anzukurbeln und liberalisiert die Märkte, läuft sie in eine Blase und eine Krise entsteht. Versucht man sie zu bremsen, gehen Arbeitsplätze verloren, die Produktion und Investitionen stehen still, eine Krise entsteht. Egal wie man es dreht und wendet, alle Versuche scheinen zu scheitern. Doch im Grunde funktioniert er sehr gut. Die Produktionsprozesse sind effizient, die Ressourcenverteilung ist effizient, es wird nach den Bedürfnissen der Gesellschaft produziert und der Markt reguliert durch Angebot und Nachfrage die Menge und den Wert der zirkulierenden Ware. Wenn nur nicht diese immer offensichtlicher werdenden Ungerechtigkeiten wären. Irgendwie ist er noch fehlerhaft, es fehlen noch Gesetze, Reformen usw. um das System in die richtige Richtung zu lenken. Doch was ist schief gelaufen? Hat nun jemand wieder etwas falsch gemacht? Denn wenn alle alles richtig gemacht hätten, wäre man ja nicht in der Krise, oder? Wir wollen im folgenden Artikel dieser Frage nachgehen und versuchen den Knoten, den die Reformisten sich immer wieder selbst schnüren, zu lösen.

Was ist Kapitalismus?

Der Kapitalismus beschreibt im Kern die Art wie die Gesellschaft produziert. Im Kapitalismus ist die Produktion privat organisiert, was bedeutet, dass private Unternehmen/Personen für die Gesellschaft produzieren. Es entscheiden also ausgewählte Privatpersonen was, wann und in welcher Weise produziert wird. Diese Entscheidungen unterliegen dem Gesetz des Marktes. Wer nicht effizienter als der Konkurrent produziert, verliert seine Nachfrage, generiert weniger bis keine Einnahmen und kann die Produktion nicht mehr aufrechterhalten. Das Kapital (Arbeitnehmer, Maschinen, etc.) kann nicht mehr verwertet werden und verliert seinen Wert. Diese wird dem Markt wieder als freies Kapital zur Verfügung gestellt. Auch die menschliche Arbeitskraft gehört zum Kapital und ist soviel Wert, wie sie auch im Produktionsprozess Wert schaffen kann. Der Mensch ist keine eigene Kategorie im Kapitalismus. Wer also vom Kapitalismus spricht, kann nur bedingt vom Menschen und noch weniger von Menschlichkeit sprechen.

Schon aus diesem kurz skizzierten Prozess von gesellschaftlicher Arbeit → privater Produktionsmittel → gesellschaftliche Produkte, ist zu sehen wie das Kapital sich konzentriert. Ein Teil des gesellschaftlichen Reichtums wird privatisiert und zwar an dem Punkt, an dem die abstrakte Arbeit verwertet wird. Dieser Teil ist der Mehrwert. Der Kapitalismus privatisiert und konzentriert einen Teil des gesellschaftlich erzeugten Reichtums im Produktionsablauf.

Und zweitens natürlich den offensichtlichen Grundwiderspruch von gesellschaftlicher Arbeit auf der einen Seite und privatisierter Produktionsmittel auf der anderen.

Kapitalismuskritik

Im Kapitalismus erscheinen die einzelnen Akteure, wie wir sehen, nicht immer im positiven Licht. In der Kritik stehen jedoch nicht einzelne Parteien oder Akteure, sondern die ökonomischen Funktionen, die sie repräsentieren. Wenn es bspw. um Ausbeutung geht, ist das Problem nicht, dass es einen gierigen Kapitalisten gibt, der über Leichen geht. Das kann es auch geben, darauf kommt es jedoch nicht an. Der Kapitalismus kann auch ohne diese Gier existieren. In der Kapitalismuskritik geht es also nicht um persönliche Herrschaftsverhältnisse, sondern um ökonomische Verhältnisse. Alle Akteure, auch die Kapitalisten, unterliegen dieser strukturellen Gewalt. Es mag sein, dass diese Verhältnisse positivere Auswirkungen für die Kapitalisten haben als für die Lohnabhängigen, jedoch kann keiner von beiden sich diesen Verhältnissen entziehen. Es geht also um die ökonomischen Gesetze des Kapitalismus.

Außerdem sollte Kapitalismuskritik ganz klar von Kapitalistenkritik unterschieden werden. Letzteres degradiert den Menschen zum Kapitalisten und sieht den Menschen nicht mehr als ganzes. Was erstens kontraproduktiv zur Kapitalismuskritik steht und zweitens zu nichts weiterem als vulgärem Marxismus führt. Und das sieht dann folgendermaßen aus: eure-armut-kotzt-uns-an-satire-demo-in-nurnberg

Ist der Kapitalismus reformierbar?

Die Frage beantwortet sich, sobald geklärt ist, durch was diese Ungerechtigkeiten entstehen, die durch die Reformen aufgelöst werden sollen. Sind es äußere Ursachen welche auf den Markt einwirken oder liegen die Ursachen im System selbst, in der Art der Produktion?

Es sind tatsächlich Tendenzen in der Produktionsweise zu beobachten welche in Widersprüchen münden.

Die Produktion richtet sich nach dem Profit. Profit heißt Erlös – Kosten. Um also Profit zu generieren muss versucht werden, den Erlös zu steigern und die Kosten zu senken. Dies bedeutet konkret, Löhne zu reduzieren, die Zahl der Beschäftigten zu reduzieren, Produktion ausweiten, höhere Stückzahlen zu produzieren und Energie- und Rohstoffkosten zu senken, um den Profit zu maximieren.

Einzelwirtschaftlich gesehen ist das ein rationales Verhalten, um den Profit zu steigern. Volkswirtschaftlich gesehen führen diese Dinge jedoch dazu, das die Konsumkraft (Nachfrage) auf der anderen Seite beschränkt wird.

Es werden also mehr und auch billigere Waren produziert, jedoch können diese nicht aufgenommen werden. Auch die Senkung der Rohstoff- /Energiekosten bedeutet eine zunehmende Senkung der Nachfrage für Rohstoff und Energie. Nachfrage und Angebot haben also die Tendenz, sich voneinander zu entfernen.

Die Reformisten[3] schlagen meistens an dieser Stelle vor, diese Tendenzen auszugleichen, also staatlich die Produktion so zu regeln das Angebot und Nachfrage harmonieren/korrelieren. Das entspricht jedoch nicht der Logik des kapitalistischen Systems, denn es herrscht ein Konkurrenzverhältnis zwischen den privaten Produzenten. Volkswirtschaftlich gesehen würde dies Sinn ergeben, in dieser Art von Produktionsverhältnis können die einzelnen Akteure jedoch nur betriebswirtschaftlich denken und handeln, da sie durch das Konkurrenzverhältnis voneinander isoliert sind. Im Regelfall sprechen sie sich nicht ab[1], sondern jeder plant und organisiert für sich selbst. Der einzelne Produzent ist also gezwungen, seine Produktion weiter auszubauen und seinen Profit kontinuierlich zu steigern, ansonsten macht er weniger Gewinn, es wird nicht mehr in ihn investiert oder das Kapital wandert in eine andere Nische/Subnische oder zur Konkurrenz, die das Kapital effektiver verwerten kann. Abstrahiert ist der Kapitalismus nicht mehr, als ein Abbild des Konkurrenz- /Überlebenskampfes der Natur verlagert in die menschliche Gesellschaft, in die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Wenn wir nun zum Ausgangspunkt zurückkommen, zu den widersprüchlichen Tendenzen. Dann gibt es 2 Möglichkeiten den Widerspruch auszugleichen, nämlich folgende:

  • Export: Hier kann die Nachfrage (Mangel an Konsumkraft) welche im Inland herrscht, durch die aus dem Ausland gedeckt werden. Wir sehen jedoch, dass dies nur eine Verlagerung des Problems darstellt. Nämlich die geographische Verlagerung des Problems. Der Widerspruch ist nicht aufgehoben, der Prozess wird einfach nur global fortgesetzt.
  • Die andere Möglichkeit ist eine verstärkte Investitionsnachfrage: Hier wird davon ausgegangen, dass ein bestimmtes Produkt oder eine Ware in Zukunft eine hohe Nachfrage aufweisen wird. Dies bedeutet, dass ein größeres Angebot in der Zukunft erzeugt werden muss. Daher wird in dieses Produkt investiert und damit gehandelt (Boomphase). Auch hier ist zu erkennen, dass dies wiederum nur eine zeitliche Verlagerung des Problems darstellt. Wenn die Nachfrage nicht eintritt, ist alles Produzierte schlagartig wertlos. Es findet eine Kapitalvernichtung statt, eine Krise entsteht.

Wir sehen: die Widersprüche führen zu Krisen. Die Krise ist aber keinesfalls etwas Schlechtes. Für das Kapital, welches die Krise überlebt, ist sie sehr produktiv. Die Verwertungsbedingungen für das Kapital verbessern sich. Wie schon beschrieben, wird hier das Kapital für den Markt frei gemacht. Das bedeutet, es gibt viele Arbeitslose, Arbeitskraft wird zum Schnäppchen. Die ganzen Produktionsanlagen (Werkzeuge, Maschinen) werden zum Schnäppchen. Sie können nun genutzt werden, um in einer anderen Nische welche mehr Profit verspricht eingesetzt zu werden. Auch die Möglichkeiten, das Kapital zu verwerten, sind vorteilhafter. Die Menschen stehen nämlich unter einem hohen Druck, sie würden jeden Vertrag unterschreiben, wenn er ihr überleben gewährleistet oder nur verspricht zu gewährleisten[2]. Die Krise ist also kein Mangel, sondern eine Notwendigkeit, um Blockaden zu überwinden.

Wir folgern: Solange diese Art der Produktionsweise besteht, werden auch die Widersprüche weiterhin bestehen und diese Widersprüche münden in Krisen und können nur durch diese überwunden werden. Die Ursachen von Armut, prekären Arbeitsverhältnissen, der Krisen und des konzentrierten Reichtums liegen in der Art und Form unserer Produktion. Wenn die Widersprüche aufgelöst werden sollen, müssen die privaten Produktionsverhältnisse in gesellschaftliche oder demokratische Produktionsverhältnisse überführt werden. Reformen, welche diesen Widersprüchen nicht begegnen, können nur die Symptome bekämpfen, da sie nicht präventiv sind. Das bedeutet, dass die Auswirkungen dadurch nur verstärkt oder abgeschwächt werden können.

Das Problem des Kapitalismus ist also nicht, dass er nicht funktioniert oder ihm etwas fehlt -der Kapitalismus hat noch nie besser funktioniert wie zu diesem Zeitpunkt-, sondern dass der Mensch nicht der Endzweck seines Tuns ist, er ist lediglich ein Mittel. Es hat also niemand etwas falsch gemacht, sowie es uns die neoliberalen Vertreter gerne erzählen. Das Abstruse ist, dass der Grund für die Krisen, in denen wir uns befinden der ist, dass alle alles Richtig gemacht haben.

Um auf die ursprüngliche Fragestellung zurückzukommen: Ja, der Kapitalismus ist reformierbar. Doch was bezwecken die Reformen? Wird das System durch sie überwunden oder im besten Fall nur abgeschwächt? Sollte das Ziel sein, die Unterdrückung abzuschwächen, also den Kapitalismus weniger „kapitalistisch“ zu machen oder eben diese Umstände, die strukturellen Zwänge aufzulösen?

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn Reformisten euphorisch die Statistik verkünden, dass die Reichen nun bereit sind einen Teil ihres Reichtums abzugeben und beginnen Revolutionsphantasien zu hegen, dann haben Sie nicht begriffen, in welche Verhandlungsposition sie sich begeben und zweitens haben sie nicht begriffen was unter Unabhängigkeit und Gerechtigkeit zu verstehen ist, für die sie sich einsetzen. Wenn die Reichen sagen, sie wären bereit, ein Teil ihres Reichtums abzugeben. Dann ist die Antwort nicht: „Klar, machen wir“, sondern: „Danke, das ist sehr großzügig, aber dieser Teil des Reichtums, den sie abgeben wollen gehört sowieso uns und wir holen ihn uns wenn es uns beliebt“. Was ist der Unterschied in beiden Szenarien? In welchem Szenario ist man abhängig/unabhängig und von wem geht die Kontrolle aus? In welchem verlangt man und in welchem bettelt man nach Gerechtigkeit? Es ist ein Kampf um die Macht- und Einflussverhältnisse. Wenn man nachgibt, verliert man Ansprüche auf Macht und Einfluss.

Ausblick & Schlusswort

Der Kapitalismus ist den moralischen Grundsätzen welche sich unabdingbar in zivilisierten Gesellschaften formen nicht gewachsen. Er wird immer am geistigen Fortschritt einer Gesellschaft scheitern. Er ist schlicht nicht mehr zeitgemäß.

An so einem Punkt kann er nur noch sehr primitive Bedürfnisse befriedigen. Bedürfnisse, welche diese Grenze überschreiten, bleiben Illusionen. Und so werden sie auch präsentiert, vermarktet und idealisiert, als unerreichbare Ideale und Utopien. Und der Mensch bleibt Konkurrent, Maschine, Ressource – die Karikatur eines Menschen.

Den „Antikapitalisten“, die mit dem Naturgesetz argumentieren, ist hier das gleiche Argument entgegenzusetzen. Der Kapitalismus wird letztendlich an der menschlichen Natur scheitern, nicht von ihr erhalten.

1Es gibt Ausnahmen, jedoch sind diese in der geschilderten Konstellation ebenso problematisch, da hier die jeweiligen Parteien auf Profit aus sind und das häufig negativ für die Verbraucher ausgeht.

2Auch ein wichtiger Punkt. Wenn Reformisten über Gerechtigkeit innerhalb des Systems sprechen, sehen sie wie in diesem Beispiel nicht, das der Kapitalismus Ungerechtigkeit voraussetzt um überhaupt funktionieren zu können. Es muss zu Beginn Menschen geben die nichts anderes anbieten können als ihre Arbeitskraft und auf der anderen Seite die Kapitalisten welche die Möglichkeit haben diese durch ihre Produktionsmittel verwerten zu können. Die Ungerechtigkeit wird also nicht nur erhalten, sondern auch immer weiter reproduziert. Um das nochmal zu verdeutlichen: Das Tauschverhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist eine Vereinbarung zwischen beiden Parteien und ist legitim. Dem Arbeitgeber kann kein Vorwurf gemacht werden, das er aus der verrichteten Arbeit einen Vorteil zieht(Mehrwert). Der Arbeitnehmer hat keinen Nachteil davon. Wenn man jemandem als Holzhändler Brennholz verkauft und den vereinbarten Preis erhält und der Kunde sich daraufhin ein Feuer macht, kann man auch nicht zusätzlich Geld verlangen, weil der Kunde es nun so Warm hat. Wenn aus diesem Verhältnis nun jedoch schlechte Lebensverhältnisse entstehen, dann liegt das nicht an dem Tauschverhältnis – mehr oder weniger Lohn ändert nichts am Grundverhältnis. Um diesen Missständen zu begegnen muss also das Grundverhältnis, die Produktionsweise verändert werden, nicht das Tauschverhältnis.

3Der Tellerrand über den die Reformisten immer sprechen und über den sie glauben zu schauen, ist nur eine Wölbung im Boden. Das höchste politische Mittel an das Sie denken können ist ein Antrag. Widerstand bedeutet für Sie nicht Organisation und Kampf, sondern Bürokratie und Anpassung.

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