Share This Post

der springende punkt.

Ein Unglück namens „Die letzte Instanz“

Ein Unglück namens „Die letzte Instanz“

Vor mehreren Wochen strahlte der WDR eine Folge der Fernsehsendung „Die letzte Instanz“ aus, in der man mit mehreren Gästen ganz locker und unterhaltsam über kontroverse Fragestellungen diskutiert und am Ende die Gäste und das Publikum gemeinsam abstimmen dürfen, wie sie zu diesen Fragestellungen stehen. So weit so gut.

„Wir sind mit diesen Begriffen aufgewachsen – wir meinen es nicht böse“. In der einstündigen Sendung werden mehrere Fragen diskutiert, in der besagten Sendung (vor ca. einem Monat ausgestrahlt) hat man unter anderem über folgende Fragen diskutiert: „Das Ende der Z******-Sauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“ Daraufhin versuchten die Gäste (Janine Kunze, Micky Beisenherz, Thomas Gottschalk und Jürgen Milski) sich gegenseitig geistig zu unterbieten – was sie auch schafften. Meine Highlights der „Debatte“ zwischen den Gästen kamen von Janine Kunze und Thomas Gottschalk. Janine Kunze konnte nicht nachvollziehen, wieso Sinti und Roma sich beschweren, denn sie als blonde Frau mit großer Brust sei auch öfter Ziel dummer Witze und sie beschwere sich ja auch nicht. Thomas Gottschalk setzte einen drauf, als er voller Inbrunst behauptete, er würde wissen, wie sich Schwarze fühlen, denn er sei mal als Jimi Hendrix (inklusive Afro und Blackface) in Beverly Hills auf eine Party mit nur weißen Bankern gegangen. Am Ende des 18minütigen Gesprächs wurde dann im gesamten Studio abgestimmt, ob man die Änderung der besagten Sauce für gut oder schlecht empfindet. Nur ein älterer Herr im gesamten Studio empfindet die Umbenennung der Paprikasauce als richtig, während alle anderen, mit unter anderem die vier nicht so woken Gäste die Umbenennung als falsch ansehen, da sie mit diesen Begriffen aufgewachsen sind und man es ja nicht böse meint.

Was ist schiefgelaufen? Man hat, wie bei so vielen Sendungen, die im Nachgang kritisiert werden, nicht daran gedacht, Menschen einzuladen, die das anders als die eingeladenen Nicht-Sinti und Roma sehen. Wie kann man also das Thema der Sprachsensibilität von beiden Seiten beleuchten, wenn man nur Menschen einlädt, die weder selbst Betroffene noch Expert*innen im Gebiet der Sprachsensibilität sind? Kombiniert man die unglückliche Auswahl der Gäste mit einer meiner Meinung nach überforderten Moderation, dann erhält man genau das, was man in der Sendung beobachten konnte: eine 18minütige Trauerveranstaltung mit vier Menschen, die nicht akzeptieren können, dass die Gesellschaft sich im Bezug auf Sprache und dem Umgang dieser stetig weiterentwickelt.

Keine Sprache existiert im luftleeren Raum. Sie wird von den Menschen geformt und gesprochen, die in diesem Land leben. Ich hätte niemals gedacht, dass türkische und arabische Redewendungen und Wörter Einzug in den deutschen Sprachgebrauch halten werden, was wiederum andere Probleme mit sich bringt. Auch die deutsche Sprache wird von den Menschen geformt, die in Deutschland leben. So verfahren wir auch als Gesellschaft mit Wörtern, die Minderheiten beleidigen und im Falle der Paprikasauce Stereotype über Sinti und Roma perpetuieren. Wenn ich also mit meinem Verzicht eines Begriffes diese Gesellschaft inklusiver gestalten kann, dann tue ich das und poche nicht darauf, dass wir vor x Jahren damit aufgewachsen sind und wir es nicht böse meinen. Es geht bei solchen Debatten nie darum, wie ein Wort oder eine Tatsache gemeint ist, sondern wie es bei denen, die davon negativ beeinflusst werden, ankommt.

Alle sind immer so betroffen und schockiert, wenn antisemitische und rassistisch motivierte Taten begangen werden; es werden Gedenkveranstaltungen und Mahnwachen organisiert, wir fragen uns aber selten bis nie, was wir tun können, um das Leben der Betroffenen und Minderheiten im Allgemeinen zu verbessern. Ich will keine geheuchelte Solidarität, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Gerade solche Debatten und das Beharren der Mehrheitsgesellschaft auf den Status Quo geben Menschen, die nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören, das Gefühl, dass wir auch weiterhin nicht dazu gehören werden. Und ich frage mich wieder einmal, wieso sich Menschen so schwer tun auf Wörter zu verzichten, die andere ausschließen und beleidigen, wenn wir doch alle wissen, dass menschenfeindliche Sprache das Zusammenleben nicht fördert, sondern ganz im Gegenteil sie vereinzelt Menschen sogar radikalisiert.

Aus „Der springende Punkt“ März 2021 – von Oguz Akman

Share This Post

Lost Password

Register